Max-Weber-Edition

Die Rekonstruktion des Collagenwerkes

Projektleiter: Prof. Dr. W. Gephart

Wiss. Mitarbeiter:
Dr. Siegfried Hermes

Im Rahmen der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe der Schriften und Reden Max Webers (MWG, Abteilung I) stellt die Edition von "Wirtschaft und Gesellschaft" ein zentrales Desiderat der Forschung dar. Sie hat mit einem umfangreichen und komplexen Textbestand zu tun, der von Weber nicht mehr vollendet wurde. Über den Entstehungszusammenhang liefert das erschlossene Briefwerk, insbesondere die Verlagskorrespondenz, ein komplexes Bild: Zwischen Stoffverteilungsplan von 1909/10 des "Handbuchs der politischen Ökonomie" und dem 1914 publizierten Werkplan von "Grundriß der Sozialökonomik", dessen zentraler Bestandteil Webers Beitrag über "Wirtschaft und Gesellschaft" werden sollte, sind Textbestände zu verorten, die jeweils auf unterschiedlichen Kompositionsideen fußen.

Die Bedeutung der in Bonn betreuten Edition des Bandes "Recht" liegt einerseits darin, daß ein inhaltlich zentrales Werkstück des gelernten Juristen Weber im Spannungsfeld von Rechtsdogmatik, universaler Rechtsgeschichte und Kritik der zeitgenössischen Rechtssoziologie sichtbar macht, wie eine Soziologie des Rechts als vergleichende Kultursoziologie des Rechts im Prozeß der Rationalisierung anzulegen ist. Neben dieser inhaltlichen Bedeutung, die in der Sachkommentierung von den ägyptischen Inhaberschuldverschreibungen über das Römische Recht zu den religiös geprägten Rechtskulturen Chinas, Indiens und des Islams reicht, liefert der Textbestand des Bandes "Recht" grundsätzliche Aufschlüsse über die Arbeitsweise Webers und die Genese von Webers Grundrißbeitrag insgesamt. Die Edition beruht nämlich auf den beiden einzigen aus dem Nachlaß erhaltenen Manuskripten zu Wirtschaft und Gesellschaft: ein als "Die Wirtschaft und die Ordnungen" überschriebenes Konvolut sowie die sog. "Rechtssoziologie", die vom Herausgeber als "Die Entwicklungsbedingungen des Rechts" ediert wird. Diese Manuskripte stellen sich als ein veritables "Collagenwerk" dar, in dem umfängliche Texteinschübe in die maschinenschriftlich verfassten Seiten, aufgeschichtete Textgebirge aus interlinearen Einzügen, Randglossen und Allongen ein einzigartiges Bild der Weberschen Arbeitsweise und deren Denkbewegung liefert. Daher besitzt die Herausgabe des Bandes "Recht" für die Edition des wissenschaftlichen Werkes Max Webers eine Schlüsselstellung.

Editionsphilologische Kompetenz, wie sie in Verbindung mit der Älteren Germanistik eingebracht wird, verbindet sich mit rechtshistorischen und rechtsvergleichenden Forschungen, die aus dem zeitlichen Horizont Webers rekonstruiert werden.

Die Bonner Arbeitsstelle (bis Ende 2000 mit zwei halben Mitarbeiterstellen sowie einer studentischen Hilfskraftstelle) wird von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften sowie von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Akademienprogramms gefördert. Die Publikation erfolgt im Rahmen der Gesamtausgabe als Band MWG I/22-3 im Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen. Das internationale Interesse an diesem Vorhaben spiegelt sich unter anderem in der eindrucksvollen Anzahl von allein 700 Subskribenden aus Japan wieder.

Erfahrungen aus diesem Editionsprojekt werden in die historisch-kritische Gesamtausgabe der Schriften Emile Durkheims eingehen, die vom Betreuer der Weber-Edition, Prof. Gephart, mit Philippe Besnard (Institut d’Études Politiques de Paris, OSC) vorbereitet wird.

Aus dem Editionsprojekt sind bislang zwei jeweils egregia und valde laudabilis bewertete Dissertationen, sowie mehrere Magisterarbeiten hervorgegangen.

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