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DFG-Forschungsprojekt: Wissensgenerierung durch apokalyptische Naherwartungen – der Fall der 2012-Bewegung

 

 

Teilprojekt 1: Die 2012 Bewegung

 

Seit ungefähr 2008 konnte man die Entstehung einer neuen apokalyptischen Bewegung beobachten, die ihre Endzeiterwartung an das Ende einer Zeitperiode („Langen Zählung“) des Maya-Kalenders am 21.12.2012 knüpfte. 2009 kam Roland Emmerichs Film 2012 in die Kinos, und verankerte das Thema in der Massenkultur. Hunderte von Websites kreisten um die erwartete Apokalypse, die Ratgeber-Literatur boomte. Der Deodorant-Hersteller AXE (Unilever) richtete sein Werbekonzept, die mexikanische Regierung ihre Tourismusstrategie auf den Weltuntergang aus. Zum Jahreswechsel 2011/2012 gab es kaum eine Tageszeitung, die nicht in irgendeiner Weise auf das Datum aufmerksam machte während die Kommentarseiten der entsprechenden Online-Ausgaben sich zu Foren entwickelten, in denen gängige Auslöser für die erwartete Katastrophe diskutiert wurde (von einem katastrophalen Sonnensturm über die Nibiru-Theorie bis hin zu einer Umkehr der Erdpole).


Im Rahmen des Projektes wurde die verschiedenen Auftritts- und Ausdrucksformen der 2012-Bewegung systematisch gesammelt. Dabei wurde auch eine Feldforschung in Bugarach durchgeführt. Dieses Dorf in Südfrankreich galt unter Ufo-Gläubigen als sicherer Hafen vor dem nahenden Weltuntergang. Am 21.12.2012 versammelte sich dort unter der Beobachtung internationaler Medien eine Mischung aus Berufsapokalyptikern, Esoterikern, Medienmitläufern und spirituellen Sinnsuchern. Diese Episode verdeutlicht, dass es sich bei dieser apokalyptischen Bewegung nicht um eine soziale Bewegung im klassischen Sinn handelt, sondern vielmehr um einen medial geschaffenen Themenplot, an den sich zahlreiche Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen mit den unterschiedlichsten Motiven und Absichten anschlossen.

 

Der 2012-Topos wirkt auch über das apokalyptische Datum hinaus. Gerade innerhalb der deutschen Diskussion wurde „2012“ mehrheitlich als Prozess eines quietistischen Wandels der menschlichen Weltwahrnehmung verstanden. Vor diesem Hintergrund fällt es leicht, diese Entwicklung über ein fixes Datum hinaus ständig zu prolongieren. 2012 lässt sich in diesem Zusammenhang als Rahmen für eine situative Vergemeinschaftung mehrerer Publika verstehen, innerhalb derer verschiedene periphere Wissenskulturen in einen gemeinsamen Diskurs eingebunden werden. 

 

Publikationen:
  •  Albrecht, Clemens: Die Pointe der Prophetie zeigt sich, wenn sie scheitert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.12.2012, S. N 3.

Teilprojekt 2: Zwischen Zentrum und Peripherie -Zum Wandel von Wissenskulturen

 

Im Rahmen des zweiten Teilprojektes wird untersucht, wie durch apokalyptische Bewegungen eine Chance entsteht, die Aufmerksamkeit der allgemeinen Öffentlichkeit auf Wissensgebiete zu lenken, die einen wissenschaftlichen Anspruch erheben, der jedoch nicht allgemein anerkannt ist. Unsere Fallstudien über die Theorien der „morphogenetischen Felder" (Rupert Sheldrake), die Nahtodforschung (bspw. Pim van Lommel), die „Instrumentelle Transkommunikation" (Ernst Senkowski) oder die bio-physische Bedeutung elektromagnetischer Felder (Dieter Broers) orientieren sich an dem wissenschaftsgeschichtlich vielfach nachgewiesenen Muster eines ‚Umweges’ der Anerkennung über die allgemeine Öffentlichkeit. Hierbei werden ebenso Gegenbewegungen in den Blick genommen, die an der Marginalisierung der betroffenen Wissensgebiete arbeiten, so bspw. Skeptikerorganisationen wie die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). 

Die wissenschaftstheoretische Ausgangslage des Projektes bilden die klassischen Arbeiten Ludwik Flecks(1980) und Thomas Kuhns (1976), die verdeutlicht haben, dass sich die Wissenschaft vielfach fragmentiert ausdifferenziert: Etablierte Denkstile, Schulen oder Paradigmen lassen sich somit von einem Umfeld trennen, das teils diffus ist, teils auch aus konkurrierenden, aber marginalisierten Denkstilen gebildet wird. Diese dichotome Wissensordnung unterscheidet also einen Bereich aktuell erforschter, anerkannter Probleme, Methoden und Theorieansätze (‚orthodoxes Wissen’) von einem zweiten Bereich „revolutionärer Wissenschaft“, der sich aus veralteten, (noch) nicht (oder nicht mehr) anerkannten, ‚abwegigen’, ‚proto-’‚ ‚para-’ oder ‚pseudowissenschaftliche’ Theorien und Themen (‚heterodoxes Wissen’) zusammensetzt. 

 

 

Unsere Studie beschreibt solche Wissensordnungen mit einem Zentrum-Peripherie-Modell. Sie knüpft damit an eine Leitunterscheidung von Edward Shils an, der die Zentrum-Peripherie-Differenz als ein nicht räumlich gebundenes Ordnungsmodell auch der modernen Gesellschaft versteht. Das Projekt geht von der Überlegung aus, dass die Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie wechselseitig ist: Einerseits dient das Zentrum der Peripherie als Fixpunkt ihrer eigenen, für die Zukunft erhofften sozialen Anerkennung. Andererseits erfüllt die Peripherie für das Zentrum die Funktion, Wissensinhalten latent zu bevorraten, um immer dann, wenn die etablierten Wissensbestände die offenen Fragen nicht mehr beantworten können, rezipiert und rehabilitiert werden zu können. 

 

Publikationen:

 

 

 

Kontakt

Fabian Fries M.A.

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